Parfum bedeutet für mich …
Cristian: Es ist ein erfrischender Start in den Tag. Es klingt banal, aber es funktioniert. Als ich siebzehn war und in Sommerbars in der Karibik arbeitete, lernte ich einen Mann kennen, der fast kein Geld hatte. Er sagte zu mir: „Ich habe nichts, aber das Einzige, was ich mir immer kaufe, ist Parfum. Du solltest immer Parfum dabeihaben, egal ob du Geld hast oder nicht. Spar dafür.“ Es ist eine Art, sich selbst etwas Gutes zu tun. Es unterstreicht die eigene Persönlichkeit und wirkt anziehend – und zwar auf jede Art.
Natalia: Es prägt die Stimmung für den ganzen Tag. Es ist etwas, das einem am Herzen liegt und das man sofort auch bei anderen spürt. Es ist einfach inspirierend.

Gibt es einen Duft aus der Kindheit, der wie eine Zeitmaschine wirkt und Euch an einen bestimmten Ort zurückversetzt?
Natalia: Der Duft von verbranntem Beifuß, Lagerfeuern, sonnenwarmen Kiefern und schwerem Kirchenweihrauch – alles geheimnisvoll und rituell. Mein Großvater verbrannte Beifuß, um meine Wunden zu behandeln. Die Wanderung auf dem Jakobsweg mit seinem warmen Eukalyptusduft weckte intensive Kindheitserinnerungen in mir. Deshalb liebe ich tiefe, klassische Parfums, die einen sofort im Kopf treffen und sich auf der Haut entfalten. Ich hasse alles, was zu mädchenhaft oder blumig ist. Ansonsten gehören Benzol, Benzin und Farbe definitiv zu unserer Welt. Etwas leicht Giftiges, aber dennoch sehr Reines und Kaltes – ähnlich wie No. 19 Elixier Isotopique. Es erinnert mich an meine Kindheit: Mein Großvater füllte in der Garage Öl in den Tank seines Traktors, bevor wir über die Felder fuhren. Ich liebte diesen Garagengeruch und den stechenden Geruch frisch gestrichener Farbe an den Schulwänden, wenn alle anderen die Türen geschlossen halten mussten. Unbewusst hat mich das wohl in unser Atelier gezogen – es riecht genau so.
Cristian: Holz. Mein Vater war Schreiner, und ich habe stundenlang seine Werkstatt geputzt. Wenn man verschiedene Holzarten bearbeitet und die Sonne direkt in die Werkstatt scheint, vermischen sich all diese unterschiedlichen Holzarten zu einem einzigartigen Duft. Wenn ich diese Werkstatt betrete, ist es genau dieser Duft, der mir sofort in den Sinn kommt.
»Parfums sind kein Geschlechterthema«

Wann wurde Euch zum ersten Mal bewusst, dass Düfte kein Geschlecht haben, sondern reine Emotionen sind?
Cristian: Ich habe nie zwischen Damen- und Herrendüften unterschieden. Schon als Kind habe ich sogar das Parfum meiner Mutter benutzt. In letzter Zeit trage ich die Düfte, die Natalia in unserem Studio hinterlässt, ohne sie zu kategorisieren. Ich sehe bei Parfums einfach kein Geschlechterthema.
Natalia: Die Düfte, die er mir stiehlt, sind sowieso nicht feminin; sie sind alle etwas seltsam. Während in einer Manufaktur wie Frau Tonis alles geschlechtsneutral sein kann, existiert außerhalb immer noch stereotypisches Geschlechtermarketing. Ich habe mich schon immer zu holzigen, schweren Düften hingezogen gefühlt und oft an Duty-Free-Theken festgestellt, dass meine Lieblingsdüfte als „für Männer“ vermarktet werden. Zu süße oder blumige Parfums, die traditionell für Frauen sein sollen, machen mich schwindelig. Für mich hat Duft nichts mit stereotypen Geschlechtervorstellungen zu tun. Es ist einfach eine Frage des persönlichen Geschmacks.
»Mit Parfum kann man seine Stimmung verändern«
Seid Ihr Duftmonogamisten oder wechselt Ihr Parfum je nach Stimmung?
Natalia: Das kommt ganz auf meine Stimmung an. Ich habe eine kleine Auswahl von bis zu fünf intensiven, geheimnisvollen Düften. Abwechslung ist wichtig, denn ein schwerer Lieblingsduft wie Tom Fords Ombré Leather ist im Sommer unerträglich. Mit Parfum kann man seine Stimmung ganz nach Belieben verändern – mal möchte ich kühl und unisex in Sneakers duften, mal sehne ich mich nach einer geheimnisvollen Energie.
Cristian: Ich wechsle mein Parfüm eher saisonal als täglich; jeden Morgen zu wechseln, wäre mir zu unübersichtlich. Ich bleibe lieber ein paar Monate bei einem Duft. Der Wechsel geschieht fast unbewusst. Man bleibt einem Duft treu, bis er sich wie eine zweite Haut anfühlt, zu der man ganz automatisch greift.

Wenn Sehnsucht ein Duft wäre, wie würde er riechen?
Cristian: Für mich ist es etwas Weites und Lichtvolles, aber auch roher Beton. Wenn man an einer Baustelle vorbeigeht, sinkt die Temperatur plötzlich und es wird sofort kälter. Ich habe Architektur studiert, und das Betreten dieser unfertigen Gebäude vermittelte mir immer dieses Gefühl von rohem Raum und kalter Luft. Genau dieser frostige Moment – so riecht Sehnsucht für mich.
Natalia: Es riecht wie warme Nostalgie, die das Herz umhüllt – ein sanfter Blick zurück auf die Vergangenheit. [Lacht über Cristian] Eine Baustelle? Das ist ja verrückt. Für mich riecht Sehnsucht nach Kirche, warmem Holz, Eukalyptus und Wermut. Intensiv und altmodisch, wie meine legendäre sowjetische Urgroßmutter, die durch Europa reiste und schwere, historische Parfums trug. Wenn ich diese tiefen Düfte heute rieche, erklingt in meinem Kopf ein Bob-Dylan-Song. Sehnsucht ist Lagerfeuer, Sandelholz und Großmütter.
»Habanera und Vild sind unsere Favoriten«
Habt Ihr bereits einen Lieblingsduft von Frau Tonis?
Natalia: Während der Vorbereitungen für unsere Show habe ich mich in No. 33 Vild verliebt – er ist zu meinem absoluten Lieblingsduft geworden. Leicht und doch geheimnisvoll genug, um mir ein Gefühl von Ganzheit zu geben. Bahia und Habanera sind ebenfalls unglaublich interessant. Und Nr. 18 Bogota Berlin hätte auch wunderbar zu unserer Show gepasst. Letztendlich war aber Nr. 04 Cocktail Hour einfach perfekt für diesen 60er-Jahre-Mädchentraum – er ist so ätherisch, dass er einen sofort in eine andere Welt entführt.
Cristian: Für mich ist es die Nr. 70 Habanera, die so viele Erinnerungen weckt. Ich könnte sie problemlos tragen – sie ist eng mit meiner lateinamerikanischen Herkunft verbunden
Titelfoto: ©Berlin Fashion Week Media Hub
Fotos von Natalia & Christian: ©Azrael Black

